Singen, 08.-12.05.2017

Am Friedrich-Wöhler Gymnasium in Singen fand vom 08.05.2017 bis 12.05.2017 die erste CultureShake Lernaktivität statt.

Zielsetzung

Das Ziel dieser Lernaktivität ist die gemeinsame Erarbeitung, Anwendung und Überprüfung der Produkte, die im Rahmen des Projekts bis zu diesem Zeitpunkt erstellt worden waren. Die Produkte des Projekts beziehen sich dabei auf zwei Werke Shakespeares: den Sommernachtstraum und den Sturm, wobei sich die Lernaktivität C1 auf Shakespeares Sommernachtstraum fokussiert.

Projektziele im Rahmen der Lernaktivität

  • Förderung sprachlicher Kompetenzen
  • Förderung von Mehrsprachigkeit
  • Entwicklung der europäischen Dimension in der Bildung insbesondere durch den Fokus auf Mehrsprachigkeit
  • Öffnung interkultureller Ansätze für transkulturelles Lernen
  • Unterstützung der Mobilität von Lehrkräften und Schülerinnen und Schüler

Inhaltlicher Ansatz

Schülerinnen und Schüler mit Fluchthintergrund nehmen an dem Projekt teil und sollen in dem Projekt keine Besonderheit bilden, auch wenn diese z.B. wegen laufender Asylverfahren nicht reisen können. Da unser Ansatz nicht in der kulturellen Diversität verortet ist und interkulturelle Übungen generieren möchte, sondern auf der Grundlage kultureller und sprachlicher Hybridisierung arbeitet und transkulturelle Praktiken stärken möchte, wird in den Produkten des Projekts, nur wo notwendig, auf Unterschiede eingegangen. So weit als möglich wird auch an diesen Punkten von der individuellen Kultur der Personen ausgegangen.

Vorbereitung: Die Aktivitäten dieser Woche waren bereits zwei Jahre im Voraus im Zuge der Antragsstellung von den Projektpartnern zusammen geplant. Seit Projektstart am 01.09.2016 wurde die Konzeption mit den Teilnehmern zusammen konkretisiert, geprüft und weiter ausgearbeitet.

Teilnehmende

Schülerinnen und Schüler der Stifelsen English School of Gothenburg (ESG) in Schweden und des Friedrich-Wöhler Gymnasiums (FWG). Begleitet wurde die ESG Gruppe von den Lehrerinnen Chloe Bye, Emma Eklund und Clare Skoglund. Die Organisation am FWG übernahmen Yannick Kuch, Dr. Simone Paulun, Anna Räuber und Hildi Rieger. Wissenschaftlich betreut wurde die Lernaktivität von Dr. Annette Deschner (Pädagogische Hochschule Karlsruhe), Dr. Mojca Kompara (Primorska Universität Koper in Slowenien) und Lisa Peter (Dozentin am Shakespeare Birthplace Trust Stratford, UK).

 

In der Woche fanden u.a. folgende Aktivitäten statt

Montag, der 08.05.2017

Die Schülerinnen und Schüler kannten sich schon über Aktivitäten auf eTwinning und hatten auch schon zuvor Mails miteinander ausgetauscht. In dem Projekt soll in transnationalen Schulteams zusammengearbeitet werden. In diesen Teams wurde zu Beginn des Aufenthalts das Schulgebäude erkundet. Die Schulleiterin Sabine Beck begrüßte die Gäste aus Europa im Lehrerzimmer, woraufhin sich Gespräche zwischen dem Lehrerkollegium und den Gästen anschlossen.

Der erste Workshop hatte die Sprachenbiographie zum Thema (mehr vgl. Produkte: Intellectual Output 4). Am Anfang des Projekts, in der Vorbereitung auf die Lernaktivitäten, war eine Sprachenmatrix aller Schülerinnen und Schüler erstellt worden. Es waren in dieser Matrix Angaben zur Muttersprache und Fremdsprachen gemacht worden. Die Sprachenbiographie als meditative Übungen zum Sprachenbewusstsein brachte Sprachen zum Vorschein, die zuvor in der Sprachenmatrix nicht erfasst werden konnten, da diese von den Schülerinnen und Schülern nicht angegeben worden waren: Hazaragi, ein Dialekt des Persischen, tauchte etwa als Muttersprache gemalt in das Herzen einer Schülerin auf. Die Schülerin hatte diese Sprache vorher nicht angegeben, da es keine offizielle Sprache ist. Die Schülerinnen und Schüler aus Afghanistan und Syrien mit Fluchthintergrund gingen die Aufgabe zunächst zögerlich an. Es stellte sich heraus, dass sie es nicht gewohnt waren über ihre Sprachen zu sprechen.

Im Nachklang der Übung äußerten sich die Schülerinnen und Schüler mit Fluchthintergrund sehr positiv über diese Übung, da sie „sich“ in diesem internationalen Kontext als normal empfanden. Sie empfanden die Übung nicht als ein eigenes Programm für Flüchtlinge, bei dem sie eine Sonderstellung erhalten, sondern – da alle diese Übung machten – als organischen Teil der Gemeinschaft im Projekt. Dies ist auch Ziel von CultureShake: die Normalität der Hybridisierung von Kultur aufzeigen und für dieses Zusammenleben Materialien und Visionen entwickeln, damit auch jenseits von CultureShake im Schulalltag eine Gemeinsamkeit der Kulturen und Sprachen Normalität werden kann.  Persisch war einerseits die Muttersprache eines Flüchtlingskindes und andererseits die Muttersprache eines „ganz normalen“ integrierten Schülers am ESG in Schweden. Die Sprachenbiographien deckten auch die vielen Sprachen der Schülerinnen und Schüler am FWG auf. So konnte ein Stück mehr Normalität für die Flüchtlingskinder und ein Stück mehr Internationalität für die stärker lokal verorteten Kinder gewonnen werden. Die FWG Bibliothekarin, Frau Banhardt, trug mit Ihrer Unterstützung zu dem Gelingen bei, da sie z.B. die Plakate der Sprachenbiographien verwahrte und uns in den Räumlichkeiten der Bibliothek mit dem wunderbaren Blick auf den Hohentwiel willkommen hieß.

Auf dieses erste gemeinsame Arbeiten in einer Workshop-Atmosphäre folgte ein wissenschaftlicher Einführungsvortrag zu Shakespeare (mehr vgl. Produkte IO 1). Durch die gemeinsamen Vorbereitungen waren die Schülerinnen und Schüler inhaltlich schon vorbereitet und konnten den interaktiven Vortrag mit Ihren Fragen und Kommentaren mitgestalten. Der Vortrag verfolgte das Ziel, eine Einführung in das Leben und Werk Shakespeares zu geben und auf die anschließenden Workshops zur Erstellung von Videos und Peer Teaching Material hinzuführen. Zentral war die Dekonstruktion eines weitverbreiteten Konzepts, dass Shakespeare nur als hehres Kulturgut zu sehen sei und damit nur einer elitären Kulturvermittlung offenstehe.

In dem Vortrag wurde schrittweise mit den Lernenden ein neues Shakespearebild gezeichnet. Anhand der Stadtgeographie Londons wurde z.B. das Theaterleben zu Shakespeares Zeiten verdeutlicht: die Theater – und so auch das Globe – waren von den Puritanern in den Außenbezirk verbannt. Zwischen Pubs und Bordellen musste sich Shakespeare mit seiner Kunst behaupten. Mit dieser Rekonstruktion des Konzepts Shakespeare, von dem elitären unantastbaren Idol zu einem Autor mitten im Leben, waren die transnationalen Schülerteams für die weiteren Aufgaben in der Woche vorbereitet. Mit einer Ausführung zu den Übersetzungen Shakespeares, unter denen sich auch Klingonisch findet, wurde an die Sprachenbiographie im Workshop zuvor angebunden. Aus Titelbildern der anderssprachigen Übersetzungen wurde auf das Werk geschlossen. In der linguistisch diversen Schülerschaft waren die meisten der Übersetzungen leicht zu erschließen. So ergab sich manch amüsante Szene: auf die Frage der Referentin, welches Stück sich wohl hinter dem arabischen Titel verbergen könne, kam die prompte Antwort „Hamlet“. Auf die Nachfrage, wie man darauf kommen könne, war die einfache Antwort „because it says so“.

 

In den Mittagspausen genossen wir die Küche und frische Salatbar der Schulmensa mit den zuvorkommenden Betreibern Familie Ulbrich und den Mitarbeiterinnen Frau Münzer und Frau König. Durch die angenehme Atmosphäre entwickelten sich die Mittagspausen in der Woche schnell zu einer guten Kommunikationsmöglichkeit mit dem Kollegium. Der Austausch mit der Lehrerin der Weltklasse, Frau Brandi-Dohrn, und dem stellvertretenden Schulleiter, Herrn Spitzhüttl, waren gewinnbringend für das Projekt.

Den Nachmittag des ersten Tages verbrachten die Schülerinnen und Schüler aus Schweden in den Gastfamilien, um Ihre Partner im Team besser kennenzulernen und sich in Singen und Umgebung nach der anstrengenden Reise zu akklimatisieren.

Das Projektteam nutzte den Nachmittag für ein zusätzliches transnationales Projektmeeting (mehr vgl. Transnationale Meetings M1a).

 

Dienstag, der 09.05.2017

Wie kann die Stadt Singen als gelebter Raum für die Besucher jenseits einer gängigen Stadtführung erfahrbar gemacht werden? Mit dem Geocache „Fairies Singen“ (mehr vgl. Produkte IO 4) wurden die Orte in Singen erkundet, welche eine Bedeutung für die Schülergruppe des FWGs hat. Diese Orte wurden im Vorfeld gesammelt und ein Geocache konzipiert, mit dem sowohl die Gastgeber als auch die Besucher Singen (neu) kennenlernen konnten. Als „Schatz“ fanden Titanias Elfen Peaseblossom, Cobweb, Moth, Mustardseed und Puck den Elfen-Gesang aus Shakespeares Sommernachtstraum. Der Geocache wird zukünftig für weitere Austauschgruppen aus Australien, Frankreich und Italien eingesetzt.

Waren dies bisher Workshops und Aktivitäten, die von den Projektpartnern für die Lernenden konzipiert waren, übernahmen die transnationalen Schülerteams für den Rest des Tages die Regie, indem sie sich Fragestellungen für Peer Teaching Materialien überlegten und diese ausarbeiteten. Der Workshop wurde anmoderiert, um Inklusion und Mehrsprachigkeit als Weg zum Aufbau von Literacy gemäß der Prioritäten des Projekts als Grundlage für das Peer Teaching Material nochmals in Erinnerung zu rufen und festzusetzen (mehr vgl. Produkte IO 3).

Der Tag, der mit „Fairies Singen“ begonnen hatte, fand seinen Abschluss am Abend bei der Orchesterprobe des Instrumentalverein Rielasingen e.V. mit Mendelssohn – Bartholdys „Ein Sommernachtstraum“. Schülerinnen aus CultureShake, die auch in dem Orchester mitspielen, hatten zu der Probe eingeladen.

 

Mittwoch, der 10.05.2017

Im Ratssaal des Singener Rathauses empfing uns Bürgermeisterin Seyfried. Sie begrüßte das europäische Projekt CultureShake in der Vierländerregion vor dem Wandbild „Krieg und Frieden“, das Otto Dix für das Rathaus in Singen 1960 erschaffen hatte. Eine Vertreterin der lokalen und regionalen Zeitung „Südkurier“ war ebenfalls anwesend.

Nachdem an den Vortagen die Sprachenvielfalt in den transnationalen Teams und die innere Mehrsprachigkeit erkennbar und erfahrbar gemacht worden war, sollte mit einer „Local Culture“ Übung in Anlehnung an Mark Waglers Ansatz ein Denken außerhalb von Kulturcontainern (Terry Eagleton) angestoßen werden. Durch die thematische Orientierung des Treffens war nicht „die schwedische“ und „die deutsche“ Kultur und Sprache Thema, sondern es ging um Zusammenarbeiten an einem Sachthema in Sprachenvielfalt. Bei der Local Culture Übung sollen nicht Nationalsymbole, wie z.B. eine Flagge, Monument oder Feiertage kennengelernt werden, sondern es geht um die individuelle Kultur einer Person und ihrer Umgebung. So wurden Symbole für die eigene Kultur gezeichnet. Es zeigte sich, dass Symbole aus z.B. Sport, Musik und Familie grenzüberschreitend sind und sich in Deutschland, Schweden, Afghanistan oder Syrien finden (mehr vgl. Produkte IO 4).

Der anschließende Workshop „CUSHA Online Dictionary“ fokussiert auf digitale und linguistische Kompetenzen. Durch die miteinander verbundenen und sich gegenseitig ergänzenden Aktivitäten zu Mehrsprachigkeit, Transkulturalität und Shakespeares Werk hat die Wörterbucharbeit eine Sinnhaftigkeit: Es geht nämlich nicht um ein Üben der Nutzung wie z.B. des Nachschlagens von Begriffen, sondern um die Erstellung eines individuellen Wörterbuch zu der Thematik des Projekts. Auf der Online Platform Termania erstellen die transnationalen Teams ihr mehrsprachiges Shakespeare Wörterbuch. Der erste gemeinsame Workshop fokussierte auf Einträge aus dem Sommernachtstraum. Im Laufe des Projekts wird das Wörterbuch erweitert durch Einträge aus Shakespeares Sturm. Außerdem werden Piktogramme und Audiofiles eingefügt, da Kinder mit Fluchthintergrund nicht immer die Möglichkeit hatten eine Schule zu besuchen. Es soll gezeigt werden, wie dennoch durch einen inklusiven Ansatz zusammen gelernt werden kann. So können andere Sprecher die Einträge machen und der Inhalt kann auch ohne eine Alphabetisierung erschlossen werden und so linguistische Kompetenz langsam aufgebaut werden. Die Teams arbeiteten mit einer gekürzten Fassung der Originalversion. Frühneuenglisch, die Sprache Shakespeares, ist somit für alle eine neue und andere Sprache, die zusammen erschlossen werden muss. Für das Online Wörterbuch wählten Schülerinnen und Schüler ihre Wörter aus, die sie eintragen möchten. Daraufhin suchen sie Sprecher der anderen Sprachen, da dieses Wort in alle Sprachen der Projektteilnehmenden übersetzt wird. Damit war der „Sprachenbazar“ eröffnet „I need someone with Swedish. Where is a person who speaks Persian? Who can help me with…“. Diese Übung unterstützt auf der kognitiven Ebene den Konzeptaufbau (vgl. Cummins und Butzkamm), indem die fremdsprachlichen anhand der muttersprachlichen Konzepte reflektiert werden (mehr vgl. Produkte IO 2).

Der anschließende Filmabend wurde von einer Schülergruppe organisiert. Die Auswahl fiel auf die Michael Hoffman Verfilmung des Sommernachtstraums. Schüler des FWGs führten in den Film ein und ließen den Abend mit Gesprächen über den Film ausklingen.

 

Donnerstag, der 11.05.2017

Dieser Tag stand ganz im Zeichen von Videos and Acting: nach einer Warm-up Activity im Freien wurden Szenen für den Videodreh am Nachmittag vorbereitet (mehr vgl. Produkte IO 3). Die Experten unterstützten in Plenums- und Einzeldiskussionen die transnationalen Schülerteams mit der Vorbereitung.

Am Nachmittag suchten die Teams im Umfeld des FWGs eine geeigneten Ort für den Dreh. Die nahgelegene Insel Wehrd, der Münchried-Wald und der Blick auf den Hohentwiel boten vielfältige Möglichkeiten. Im Plenum berichteten die unterschiedlichen Teams von den Videoaufnahmen und tauschten sich aus. Die Videos werden im Anschluss von Schülerinnen und Schülern des ESG geschnitten und editiert (mehr vgl. Produkte IO 3)

Den Abend gestalteten die Gastfamilien individuell.

 

Freitag, der 12.05.2017

Eingeweihten ist die Mainau nicht nur als Blumeninsel, sondern auch als „Shakespeare-Island“ bekannt. Alljährlich finden hier Aufführungen der American Drama Group Europe statt. Bei dem Empfang von Gräfin Bernadotte war Schweden durch die Verbindungen der Adelsfamilie präsent am Bodensee und es wurde ein wenig auf Schwedisch parliert.

Nach der Erkundung der Insel setzen wir mit einer Fähre über nach Konstanz. Die Bodenseekulisse mit dem Alpenpanorama begleitete uns.

Nicht nur bei dem „Walk around Town“ in Konstanz waren an diesem Tag die CultureShake Beutel gut zu gebrauchen.

Den Abschluss dieser arbeitsintensiven Woche feierten wir zusammen in einer Gaststätte am Bodensee. Die Kulisse verfinsterte sich und ein Sommergewitter entlud sich über dem See. Treffend bemerkte ein Schüler „dies ist das Szenario für Shakespeares Sturm“ – eine gelungene Überleitung zu unserer nächsten Reise, die uns nach Stratford führt …